„Wir sind Avantgarde und kein Bundesparteitag!“ – Susanne Dagen über SeitenWechsel

Wie gründet man eine Buchmesse? Man sucht einen geeigneten Veranstaltungsort, gewinnt Verlage und Autoren, organisiert ein umfangreiches Programm und hofft auf möglichst viele Besucher. So weit, so gut.
Schwieriger wird es, wenn man gleichzeitig etwas schaffen möchte, das in unserer Gesellschaft zunehmend selten geworden ist: einen Ort, an dem Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen miteinander ins Gespräch kommen, ohne dass gleich die üblichen Schubladen aufgezogen werden.
Susanne Dagen, Buchhändlerin und Verlegerin aus Dresden, hat sich genau das vorgenommen. Seit über 30 Jahren betreibt sie das Buchhaus Loschwitz. Und nun organisiert sie bereits zum zweiten Mal die Buchmesse SeitenWechsel, die am 7. und 8. November in Halle an der Saale stattfindet.
Im vergangenen Jahr kamen nach Veranstalterangaben über 6.000 Besucher. Diesmal sind rund 150 Aussteller dabei, fast 100 Veranstaltungen stehen auf dem Programm und sämtliche Standflächen sind vergeben. Susanne rechnet mit bis zu 10.000 Besuchern.
Doch die eigentliche Herausforderung liegt für sie nicht allein in der Organisation. Sie will keine Buchmesse veranstalten, auf der sich lediglich ein politisches Lager selbst bestätigt. Auch wer sich gegen Ausgrenzung wehrt, sollte nicht anfangen, seinerseits Menschen auszugrenzen. Und wer geistige Freiheit fordert, muss sie auch Andersdenkenden zugestehen.
Eine Buchmesse als politischer Schützengraben? Nicht mit Susanne Dagen!
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In unserem Gespräch wird deutlich, dass Susanne mit dieser Haltung nicht überall auf Gegenliebe stößt. Sie will sich von keiner politischen Seite vereinnahmen lassen. Als ihr vorgeschlagen wurde, gleich eine ganze Reihe von Politikern einer bestimmten Richtung einzuladen, war ihre Antwort unmissverständlich: „Wir sind Avantgarde und kein Bundesparteitag!“
Ein schönes Bild findet sie auch für ihre eigene Rolle: Sie sei gewissermaßen eine Minderheitenregierung. Wer keine feste Mehrheit hinter sich hat, muss für seine Ideen immer wieder neue Partner gewinnen. Und genau darin sieht sie offenbar mehr Chancen als Schwierigkeiten.
Dabei soll natürlich auch das Geschäftliche funktionieren. Schließlich leben Autoren, Buchhändler und Verleger nicht allein von schönen Gedanken. Die Messe soll ihnen eine wirtschaftlich tragfähige Plattform bieten. Und zwischen all den gesellschaftlichen Debatten soll vor allem eines nicht untergehen: die Literatur selbst.
Susanne spricht darüber, wie sie die Zukunft der Messe sieht, warum ihr das persönliche Gespräch so wichtig ist und weshalb auch die eigene politische Überzeugung gelegentlich einen Seitenwechsel im Kopf vertragen könnte.
Übrigens steht die Buchmesse unmittelbar bevor, und ausgerechnet am Tag vor der Eröffnung heiratet Susannes hochschwangere Tochter. Andere Menschen würden jetzt vielleicht dringend einen Urlaub beantragen. Susanne organisiert nebenbei noch eine Hochzeit.
Ob eine Buchmesse gesellschaftliche Gräben überwinden kann? Das lässt sich nicht an Besucherzahlen ablesen. Aber mit Menschen, die nicht nur über Veränderungen reden, sondern selbst etwas auf die Beine stellen, lässt sich zumindest ein Anfang machen.
Ein Engel nahm mich an die Hand: Hier gibt es die Informationen und Eintrittskarten.
Viel Freude bei unserem Gespräch mit Susanne Dagen!
