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Wenn Menschen existenzielle Krisen überstehen, haben sie danach in der Regel etwas dazu gelernt. Wenn sie sich dann zusammen tun und über ihre Erfahrungen austauschen vervielfältigt sich das Gelernte. Tun sich Süchtige zusammen um sich gegenseitig zu unterstützen und ein cleanes und zufriedenes Leben zu führen, dann sind Entwicklungen möglich, die man sich als sogenannter normaler Mensch kaum vorstellen kann.

Für eine lange Zeit hatte Alfred eine richtig gute Zeit mit den Drogen. Als 17 Jähriger Austauschschüler feierte er in Wäldern im Umland von Marseille Free Techno Parties mit wilden Drogen Exzessen. Wenn die Polizei davon Wind bekam sind sie teilweise mit Sondereinsatzkommandos und Helikoptern dazu gekommen um die Teilnehmer zu verfolgen, verprügeln und auseinander zu treiben. Als Alfred dann später Helikopter hörte wo keine waren, war der Spaß für ihn vorbei. Er litt an Psychosen und muss seitdem starke Psychopharmaka nehmen. Trotzdem dauerte es noch viele Jahre, bis er durch den Besuch von Selbsthilfegruppen endlich den Absprung aus seinem Elend schaffte. Da ihm diese Treffen so wichtig waren, reifte in ihm die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen und das tat er dann auch. Seine Identifikation mit der Selbsthilfe Gemeinschaft und mit seiner Verantwortung wuchs und als dann die Maßnahmen ausgerufen wurden bekam er erst einmal Probleme. Tatsächlich war er in einer der wenigen Selbsthilfe Gruppen, bei denen die meisten Mitglieder mit den Maßnahmen der Regierung nicht einverstanden waren. Zu denen gehörte er nicht und dementsprechend ärgerte er sich über die, die sich nicht an die Regeln hielten. Wie es Alfred genau ergangen ist, hört ihr in unserem Gespräch.

Der Live style vieler Neuköllner Kinder in den 90 er Jahren? Schlüssel um den Hals gehängt, raus geschickt und bis in die Abendstunden irgendwie klarkommen. Das führte bei David schon im Alter von 12 Jahren zu einem Leben in dem Drogen zum normalen Alltag gehörten. Sie waren in einem ansonsten trostlosen Leben das „Highlight“ das das Leben überhaupt erst erträglich machte. Tatsächlich waren sie in einer Kindheit und Jugend voll traumatischer Erfahrungen ein Lebensretter. Das er es später, als lebensrettende Maßnahme, schaffte mit den Drogen aufzuhören, gehört zu den ironischen Randerscheinungen einer kranken Gesellschaft, die ständig damit beschäftigt ist, so zu tun als ob sie gesund sei. Doch David war schon als Kind intelligent und feinfühlig genug, um das Possenspiel, dass wir uns täglich gegenseitig präsentieren zu durchblicken. Als es im Jahre 2020 dann wahnsinnig und krank um uns herum wurde, war das für ihn nichts neues. Er musste nicht erst „aufgeweckt“ werden. Die Maßnahmen waren auch nur eine absurde Fortführung des Status Quo. Und Polizeigewalt kannte er auch schon von den ersten Mai Demos. Dieses Mal hält er sich aber weitestgehend heraus aus den Auseinandersetzungen. Auch wenn er einer der ersten auf dem Rosa-Luxemburg-Platz war.

Schon im Alter von 15 Jahren hatte Georg gemerkt, dass er ein Problem mit Marihuana hatte. Der Versuch, es stattdessen mit Alkohol zu versuchen hatte zwar nicht geholfen, aber langfristig zu der Erkenntnis geführt, dass flüssige Drogen auch nicht weniger abhängig machen. Ende 2019 fand er dann endlich über Selbsthilfe Gruppen einen Weg um langfristig Drogen frei zu bleiben. Er ging täglich zu den Treffen und fand dort sein zweites zu Hause. Doch dann kam der Rückschlag in seiner noch frischen Clean Zeit. Lockdown und Maßnahmen! Schlimm genug, dass man sich eine Zeitlang nur noch über Zoom Meeting sehen durfte. Doch als die Meetings dann wieder geöffnet wurden, zogen bald die ersten Hygienevorschriften ein, die es für ihn unmöglich machten, in Präsenzmeetings Hilfe zu suchen. Zum Glück hatte Georg aber schon im Vorwege genug Gleichgesinnte kennengelernt mit denen er nochmal eine Selbsthilfe in der Selbsthilfe organisieren konnte: Maßnahmen kritische Süchtige die sich im Lockdown in Privat Wohnungen trafen und die später mit Umarmungen und freiem Gesicht weiter füreinander da sein konnten. Das war zwar nicht erlaubt und dennoch war es eine lebensrettende Maßnahme für die, die daran teilnahmen. Natürlich gibt es keine Statistiken darüber, wie viele Süchtige in den letzten zwei Jahren zusätzlich rückfällig wurden oder sich das Leben nahmen. Aber wen interessieren schon Statistiken, wenn man spürt was mit einem los ist und was man tun muss um seinen Hals zu retten?

Rhobbin hatte für unsere Sendung „cleane Süchtige in Lockdown und Maßnahmen“ die Musik geliefert. So, wie sein Leben sich mit dem clean werden veränderte, so veränderte sich auch seine Musik. Sie handelt von Gemeinschaft, Spiritualität, Zusammenhalt, Empathie und Menschlichkeit. Eben genau das was man braucht um nach Jahren von Besessenheit und Drogenkonsum zurück in ein lebenswertes Dasein zu kommen. Zum Thema Lockdown und Maßnahmen hält er sich bewusst zurück. Dafür beschreibt er uns, durch seine Songs und durch seine Lebensgeschichte, besonders eindrucksvoll, wie lebenswichtig es für cleane Süchtige ist zusammen zu kommen und füreinander da zu sein.