RBM – Kulturecke Folge 3 mit Doreen Mechsner, Jens Fischer Rodrian und Einblicken ins schmutzige Brüssel

Was passiert eigentlich hinter den schicken Fassaden des Brüsseler Machtzentrums? Und wie viel davon eignet sich irgendwann verdächtig gut als Krimi?

Mit „Spicy Files“ hat Dominique Elsaesser einen Polit-Krimi geschrieben, bei dem man zumindest ahnen darf, dass der Autor die Welt, über die er schreibt, nicht ausschließlich aus Zeitungsartikeln kennt. Doreen Mechsner bezeichnet den Krimi als „trojanisches Pferd“, mit dem aus der EU-Blase erzählt wird. Der Mann kennt Brüssel ziemlich gut – belassen wir es einfach dabei.

Inzwischen ist mit „Bloody Files“ der zweite Band erschienen. Und Doreen durfte bereits das Manuskript von „Secret Files“ lesen. Ihr Urteil lässt aufhorchen: erschreckend dicht an der Wirklichkeit. Natürlich alles Fiktion. Selbstverständlich. Wo kämen wir denn sonst hin?

Genau solche Bücher passen inzwischen ziemlich gut zum Umland Verlag. Doreen begann ursprünglich damit, ihre eigenen Bücher herauszubringen. Heute wächst daraus zunehmend ein kleiner Verlag für Autoren, die etwas zu erzählen haben – und gelegentlich auch Dinge ansprechen, mit denen man sich nicht unbedingt den bequemsten Platz im gesellschaftlichen Wohnzimmer sichert.

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Ein schönes Beispiel dafür ist Kathrin Schmidt, Buchpreisträgerin von 2009. Damit war sie eigentlich bestens ausgestattet für einen gemütlichen Dauerplatz im deutschen Kulturbetrieb. Dann begann sie, sich öffentlich zu positionieren. Seitdem hat sich ihr Verhältnis zum Mainstream offenbar auf bemerkenswerte Weise vereinfacht.

Ihre Rede zum 100. Todestag Franz Kafkas erschien im Umland Verlag unter dem Titel „Kafka – Entschlüsse“. Darin beschäftigt sie sich, ausgehend von Kafkas kurzem Text „Entschlüsse“, mit der Situation einer Schriftstellerin, die am gesellschaftlichen Zeitgeist und den Ereignissen ihrer Gegenwart zunehmend verstummt. Über die Rede selbst wurde in der Literaturwelt auffallend wenig gesprochen. Aber vielleicht gehört Schweigen inzwischen einfach zu unserer vielfältigen Debattenkultur.

Eine ganz andere Geschichte erzählt „Absprung ins Leben. Plädoyer für den Frieden“ von Simon Gronowski. Als Elfjähriger sprang er 1943 aus einem Deportationszug nach Auschwitz und überlebte. Heute richtet der inzwischen hochbetagte Belgier seinen Blick nicht auf Hass und Vergeltung, sondern auf Frieden, Toleranz und Verständigung. Für Doreen war schnell klar: Dieses Buch gehört in ihren Verlag.

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Natürlich sprechen wir auch über ihre eigenen Bücher.

In „Briefwechsel. Stimmungsbild einer viralen Krise“ lässt Doreen zwei Frauen mit gegensätzlichen Ansichten während der Corona-Zeit miteinander ringen – nicht darum, wer am Ende Recht behält, sondern darum, ob Verbindung trotz unterschiedlicher Sichtweisen möglich bleibt.

Nach diesem schweren Thema musste etwas Liebe her. In „Winterschmetterlinge“ erzählen Paare, wie sie sich gefunden haben – romantisch, manchmal komisch und vor allem aus dem wirklichen Leben.

Für „Ich möchte einfach noch Bäume ausreißen! Aber nur kleine. Fast Hundertjährige erzählen“ hat Doreen Menschen interviewt, die auf fast ein ganzes Jahrhundert zurückblicken können. Krieg, Liebe, Verluste, Neubeginn – und eine Lebenserfahrung, gegen die selbst eine sehr ausdauernde Google-Suche etwas blass aussieht. Ein zweiter Band ist bereits geplant.

Und dann wäre da noch „Ausgewechselt – Gespräche über die Lebensmitte“. Entstanden aus Doreens eigener Lebensgeschichte, spricht sie darin mit Männern und Frauen über Wechseljahre, Midlife-Crisis und vor allem darüber, was in dieser Lebensphase eigentlich innerlich mit uns passiert. Der zweite Band ist in Vorbereitung, die Gespräche dafür sind bereits geführt.

Auch Sebastian Schoepp spielt in der wachsenden Verlagsgeschichte eine Rolle. Ein noch unveröffentlichtes Buch von ihm könnte künftig ebenfalls beim Umland Verlag erscheinen.

Am Ende ist das deshalb kein Gespräch über einen klassischen Verlag mit ausgefeiltem Geschäftsplan. Doreen selbst beschreibt ihren Weg eher als Learning by Doing. Sie ist einfach losgesprungen.

Und vielleicht ist genau das der rote Faden: Bücher herausbringen, die den Blick schärfen. Geschichten von Menschen, die etwas erlebt haben. Autoren, die etwas zu sagen haben. Und manchmal auch Texte, bei denen man nach dem Lesen ein kleines bisschen mehr sieht als vorher.