Gausmanns Reale Utopien mit Hans Popp – Wie eine Stadt energieautark wird

Gausmanns Reale Utopien mit Hans Popp – Wie eine Stadt energieautark wird
Die meisten Menschen versuchen, ihren Alltag im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten so gut wie möglich zu bewältigen und unfallfrei durchs Leben zu kommen. Ihre Grenzen liegen dort, wo Staat und Gesellschaft sie setzen. Für viele Menschen erscheinen diese Grenzen als unverrückbar. Tief sitzende Wünsche nach Veränderungen werden in die Welt der Träume verdrängt und als unrealistisch bezeichnet. In diesem Sinne bewahrheitet sich die alte Definition des Wortes Utopie als „idealer Gesellschaftszustand, der gerade nicht als unmittelbar verwirklichbares Programm gedacht ist“.
Für mutige Menschen gibt es deshalb so etwas wie reale Utopien. Sie nehmen gesellschaftliche Missstände deutlich wahr und akzeptieren sie keinesfalls als gegeben. Sie nicken auch nicht ab, wenn jemand sagt: „Schau mal, wie es in anderen Ländern aussieht – da haben wir es hier noch gut.“ Stattdessen analysieren sie den Ist-Zustand, stellen ihn einem Idealzustand gegenüber und machen sich an die Arbeit, um die Wirklichkeit Schritt für Schritt dem Ideal anzunähern.
Schenkungen empfangen wir entweder mit dem Paypal Button am Ende unserer Webseite oder per Überweisung aufs Bankkonto: DE93 1001 1001 2624 3740 74
Das ist alles andere als Träumerei, sondern das konkrete Leben in realen Utopien. Diese können mit guten Werkzeugen und klaren Handlungsplänen gemeinschaftlich verwirklicht werden.
Deshalb gibt es eine Akademie für reale Utopisten. In diesem Fall richtet sie sich an deutsche Mittelständler, die nicht bereit sind, ihren eigenen Untergang zu akzeptieren, sondern ganz im Gegenteil auf der Suche nach neuen Wegen des Wirtschaftens sind.
Im Podcast „Gausmanns Reale Utopien“ kommt Morgenröten-Moderator Oliver Schindler mit Uli Gausmann und den Referenten der Akademie ins Gespräch. Diesmal mit Hans Popp, der von 2002 bis 2020 Bürgermeister der bayerischen Stadt Merkendorf war. Und bei ihm bekommt das Wort „Utopie“ einen ausgesprochen bodenständigen Klang.
Denn in Merkendorf wurde nicht nur darüber diskutiert, wie sich eine Region unabhängiger mit Energie versorgen könnte. Man hat es ausprobiert und umgesetzt.
Photovoltaikanlagen, neun Biogasanlagen, ein kleines Wasserkraftwerk, Wärmenetze und ein eigens gegründeter Energiepark gehören zu einer Entwicklung, bei der Bürger, Unternehmen, Landwirtschaft, Schulen, Hochschulen und Behörden miteinander ins Gespräch gebracht wurden. 2017 erreichten die beteiligten Energieerzeuger nach Popps Angaben im Strombereich einen Selbstversorgungsgrad von 440 Prozent.
Das Bemerkenswerte daran: Es ging keineswegs nur um Energie. Popp wollte zugleich Wirtschaftskraft in den Ort holen. Unternehmen siedelten sich an, Arbeitsplätze entstanden und schließlich stiegen auch die Gewerbesteuereinnahmen. Regionale Energieerzeugung wurde damit zu einem Baustein regionaler wirtschaftlicher Stärke.
Natürlich verlief nicht alles harmonisch. Landwirte fürchteten Flächenkonkurrenz durch Biogasanlagen, Bürger Geruchsbelästigungen, bei Photovoltaik-Freiflächen musste um Grenzen gerungen werden und der Denkmalschutz wollte ebenfalls ein Wörtchen mitreden. Bei Windrädern scheiterte Popp während seiner Amtszeit sogar am Gegenwind aus Teilen der Bevölkerung.
Gerade deshalb ist seine Geschichte für die Utopie-Akademie interessant. Sie handelt nicht von einem perfekten Modellort, in dem alle begeistert dasselbe wollen. Sie handelt davon, unterschiedliche Interessen zusammenzubringen, Lösungen auszuhandeln und manchmal ungewöhnliche Wege zu gehen.
So entstanden Wärmenetze, an die öffentliche Gebäude und später auch denkmalgeschützte Häuser angeschlossen wurden. Für eine Leitungsführung ging es sogar per Bohrung durch die historische Stadtmauer in die Altstadt. Heute blickt Popp auf zahlreiche praktische Erfahrungen zurück – einschließlich jener Dinge, die nicht funktioniert haben.
Genau solche Erfahrungen möchte Ulrich Gausmann Unternehmern zugänglich machen. Denn bezahlbare und verlässlich kalkulierbare Energie ist für den Mittelstand eine Existenzfrage. Die Möglichkeit, Energie stärker vor Ort zu erzeugen und regionale Strukturen dafür aufzubauen, kann dabei ganz neue Handlungsspielräume eröffnen.
Popp warnt allerdings davor, seine damaligen Lösungen einfach zu kopieren. Baukosten, Förderungen, Zinsen und gesetzliche Rahmenbedingungen haben sich verändert. Was vor fünfzehn Jahren funktioniert hat, muss heute möglicherweise anders organisiert werden.
Die entscheidende Botschaft lautet deshalb nicht: Macht es genauso wie Merkendorf.
Sondern: Schaut euch an, was bereits möglich war. Lernt daraus. Und fangt an, unter den heutigen Bedingungen selbst weiterzudenken.
Vielleicht beginnt Energieautarkie genau dort: nicht bei einer großen politischen Parole, sondern bei Menschen, die vor Ort herausfinden, was sie gemeinsam auf die Beine stellen können.
🎧 Radio Morgenröte Deutschland hören
